Was Firmen von Extremseglern lernen können

Auf den ersten Blick wirkte er absolut unauffällig. Aber bereits nach den ersten Sätzen merkte ich, dass in diesem eher kleinen Mann eine große Energie steckt. Und erst als er anfing, von seiner großen Leidenschaft zu sprechen, da glitzerten seine Augen. ABORA – das ist sein Thema. Zunächst hatte ich keine Ahnung, was hinter diesem Wort stecken könnte. Sehr schnell wurde es mir jedoch klar: ABORA ist Abenteuer und noch viel mehr.

2007 war das Jahr von „ABORA III“. Vor der Skyline Manhattans startete ein internationales Team unter dem Kommando von Dominique Görlitz auf einem Schilfboot nach Osten über den Atlantik. Es folgte dem Golfstrom über eine Strecke von 4.400 km und demonstrierte so die prinzipielle Möglichkeit, von Amerika ausgehend Europa zu erreichen, und zwar bereits vor mindestens 10.000 Jahren. Im Unterschied zu Thor Heyerdahl mit seiner legendären RA II, der die „gemütliche“ Südroute benutzte, musste ABORA gegen Wind und Strömungen kreuzen. 13 Stürme hatten die Abenteurer zu überwinden, teils bis zu Windstärke 10. 800 Meilen vor den Azoren geriet Görlitz in einen Orkan. Sie kämpften drei Tage, dann brach das Heck der ABORA ab. Das Team gab nicht auf, baute auf hoher See das Schilfboot um und schaffte noch einmal 220 Seemeilen, immer in der Hoffnung, dass sich ein Azorenhoch einstellt. Aber es kam nicht und so musste das Team 550 Seemeilen vor dem Ziel doch noch aufgeben.

Der Wissenschaftler Görlitz, er ist unter anderem Mitglied der Europäischen Gesellschaft für Experimentalarchäologie, konnte mit seiner Reise eine Reihe anthropologischer Nachweise erbringen, die in der Fachwelt Anerkennung fanden. Und natürlich erregte er auch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit, was seine Sponsoren freute. So bezeichnete ihn die New York Times vom 28. Mai 2007 als „deutschen Indiana Jones“. Darüber hinaus gibt es aber einige Schlussfolgerungen, die für uns alle eine allgemeine Bedeutung haben, vor allem wenn wir uns mit Veränderungen und Innovationen beschäftigen.

Erstens:

Auch wenn wir uns etwas nicht vorstellen können, so ist es doch möglich. Kaum jemand glaubte, dass prähistorische Fahrzeuge über die Seetüchtigkeit verfügt hätte, den Atlantik auf der stürmischen Nordroute des Golfstroms zu befahren. Und trotzdem ist es Görlitz und seinem Team gelungen. Warum dann nicht auch Menschen vor 10.000 Jahren? Es gibt archäologische Befunde, die nach dieser Reise in einem ganz anderen Licht erscheinen, als vorher. Jetzt zieht also sogar die Wissenschaft diese Möglichkeit in Betracht. Interessant ist, dass es Praktiker waren, welche die Innovation vollbrachten. Die Wissenschaft erklärt es dann im Nachhinein.

Zweitens:

Mit hohen Zielen und einem starken Team kann man Berge versetzen. Man darf sich nicht abhalten lassen, Neuland zu beschreiten, Wagnisse einzugehen. Und man darf nicht schon bei den „normalen“ Schwierigkeiten aufgeben. Auch Dominique Görlitz wird es wieder versuchen; er steckt gerade in den Vorbereitungen für „ABORA IV“ und will 2012 wieder in See stechen.

Drittens:

Eine wichtige Schlussfolgerung von Dominique Görlitz lautet, dass vergangene Zivilisationen meist daran gescheitert sind, dass sie ihr konventionelles Denken nicht ändern konnten. Es liegt also an unserem Denken, das uns entweder fesselt oder frei voranschreiten lässt. Und das ist für uns heute besonders wichtig.

Mich jedenfalls hat Dominique Görlitz beeindruckt. Vor allem durch seine Taten. Er macht keine großen Worte, sondern er handelt.