Wie Cultural Change auch geht!

Gestern war ich bei der Üstra. Wem das nichts sagt - das sind die Hannoverschen Verkehrsbetriebe. Busse, Straßenbahnen. Nicht aufregend, um nicht zu sagen "langweilig". Da muss man sich nicht wundern, dass dieses kommunale Unternehmen in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, jungen Nachwuchs zu bekommen. Immerhin brauchen sie in den nĂ€chsten Jahren ungefĂ€hr tausend neue Leute. Und nicht nur einfach Fahrer, sondern gewĂŒnscht sind Fahrer mit Sinn und GefĂŒhl fĂŒr die FahrgĂ€ste. Im HR-Fachjargon heißt das "Mitarbeiter mit Kunden- und Serviceorientierung". Aber warum sollten die Hannoveraner ausgerechnet zur Üstra gehen? Langweilig, angestaubt.

Und dann, vor etwa zwei Jahren, hatten ein paar Leute im Unternehmen eine Idee!

Am Anfang stand die Erkenntnis, dass man das Image der Üstra nicht durch ein paar neue Plakate verĂ€ndern kann, sondern dass man einen offenen Geist erzeugen muss. Offenheit fĂŒr Neues, fĂŒr Andersartigkeit, fĂŒr Vielfalt, Ungewöhnliches. Dann muss man dafĂŒr sorgen, dass das bemerkt wird, innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Und dazu braucht man etwas AuffĂ€lliges und den Mut fĂŒr dieses Etwas.

Und so wurden die Rockstars geboren - Mitarbeiter der Üstra, die zu ihrer neuen pfiffigen Uniform statt Hosen einen Rock anzogen. Und sich damit in der Öffentlichkeit zeigten, fotografieren ließen und dieses Beinkleid auch im Dienst, als Straßenbahn- oder Busfahrer, anzogen. FĂŒr den Anfang fanden sich zehn Mutige - heute sind es ĂŒber 60. Einen davon sehen wir hier auf dem Bild.

Die Aktion nahm ziemlich schnell Fahrt auf, fĂŒhrte zu vielen Diskussionen. Und diese Diskussionen verĂ€nderten die Kultur des Unternehmens. Vor allem, weil sie durchaus kontrovers gefĂŒhrt wurde. Das durfte sein. Und auch die Außenwahrnehmung hat sich verĂ€ndert, wie ich als Üstra-Nutzer bemerkt hatte, ohne bis gestern zu wissen warum. Gestern wurden uns von den Üstra-Vertretern viele Beispiele fĂŒr den neuen Geist im Unternehmen erzĂ€hlt. Und natĂŒrlich auch Zahlen/Daten/Fakten. So nahm die Bewerberzahl so stark zu, dass extra eine Recruiting-Abteilung eingerichtet werden musste, um den Ansturm bewĂ€ltigen zu können. Schöner Nebeneffekt: Der Anteil weiblicher Bewerber stieg ĂŒberproportional! (Um RĂŒckfragen vorzubeugen: Ich schreibe nicht "weiblicher Bewerberinnen", weil das ein weißer Schimmel, also doppelt gemoppelt wĂ€re. Und das muss ja bei aller Political Correctness nicht sein.)

Mich hat der gestrige Nahmittag ziemlich beeindruckt. Es soll schon Nachahmer fĂŒr diese Aktion geben, was ich allerdings fĂŒr problematisch halte. Oder langweilig. Allerdings empfehle ich jedem, der etwas am Unternehmensimage Ă€ndern will, mal darĂŒber nachzudenken, mit welchen Themen und wie er Offenheit erzeugen kann. Mit Intelligenz, Witz und Mut sollte das möglich sein.